PROLOG
Dieses Buch ist keine Anleitung.
Es ist kein Ratgeber, kein Selbsthilfeprogramm, keine Liste mit Tipps, wie du dein Sexleben rettest oder deine Ehe aufpeppst. Es gibt keine Übungen am Ende der Kapitel. Keine Checklisten. Keine sanften Ermutigungen.
Das hier ist meine Geschichte. Roh. Ehrlich. Ohne Entschuldigung.
Ich war die Frau, die funktionierte. Die lächelte, wenn sie sollte. Die schwieg, wenn sie schreien wollte. Die neben ihrem Mann lag und nichts fühlte – und sich dafür hasste, dass sie nichts fühlte. Die dachte, dass das normal war. Dass das so war, wie Ehen wurden. Dass man dankbar sein sollte, überhaupt jemanden zu haben.
Ich war 40+, frisch geschieden, und dachte: Jetzt erst recht.
Was danach kam, hat mich nicht geheilt. Es hat mich zerlegt. Es hat mich aufgebaut. Es hat mich Dinge tun lassen, für die sich die Frau von davor geschämt hätte – und für die ich mich heute nicht schäme. Kein einziges Mal.
In diesem Buch wirst du lesen, wie ich zum ersten Mal wieder gespürt habe, dass mein Körper mir gehört. Wie ich Grenzen gefunden und Grenzen gesprengt habe. Wie ich geliebt habe, auf eine Art, die die meisten nicht verstehen – und die ich trotzdem nicht missen würde. Wie ich gelernt habe, laut zu kommen, ohne mich zu entschuldigen.
Du wirst Dinge lesen, die dich erschrecken. Vielleicht erschreckt dich, dass du dich wiedererkennst.
Ich schreibe das nicht, um zu provozieren. Ich schreibe es, weil ich damals so ein Buch gebraucht hätte. Eine Stimme, die sagt: Du bist nicht kaputt. Du bist nicht zu viel. Du bist nicht falsch.
Du bist genau richtig.
Lies es, wenn du bereit bist.
Oder lies es, weil du es noch nicht bist – und genau das der Grund ist, warum du es brauchst.
Die Stille dazwischen
Die ersten Monate nach der Scheidung waren nicht das, was ich erwartet hatte.
Ich hatte gedacht, dass die Freiheit sofort ein Gefühl von Leichtigkeit bringen würde, von Erleichterung, von Aufbruch. Dass ich mich endlich frei fühlen würde, befreit von den Fesseln der Ehe, bereit, mein neues Leben zu beginnen.
Aber so war es nicht.
Stattdessen war da erst mal nur … Stille. Eine seltsame, fast bedrückende Stille. Die Wohnung war groß genug für mich allein, drei Zimmer, aber manchmal fühlte sie sich riesig an, leer, echoend. Ich konnte machen, was ich wollte, wann ich wollte, wie ich wollte – und genau das war das Problem. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was ich eigentlich wollte.
Ich weinte viel in diesen ersten Wochen und Monaten. Nicht nur wegen der Schuld, die immer noch an mir nagte, sondern auch wegen der Unsicherheit. Wegen der Angst, die manchmal hochkam, wenn ich allein in der Wohnung war und mir klar wurde: Das ist jetzt mein Leben. Ich bin auf mich allein gestellt. Niemand wartet auf mich, niemand kümmert sich um mich, niemand ist einfach da.
Manchmal saß ich abends auf dem Sofa, starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit, und die Tränen liefen einfach so über mein Gesicht. Nicht weil ich ihn zurückwollte – das wollte ich nicht. Aber weil alles so anders war, so fremd, so überwältigend.
Die kleinen Freiheiten, von denen ich gehofft hatte, dass sie mich glücklich machen würden, fühlten sich manchmal einfach nur einsam an.
Einkaufen gehen und nur für mich selbst kochen – schön, aber auch irgendwie traurig, wenn ich am Esstisch saß und niemand da war, mit dem ich reden konnte. Sonntags im Bett liegen bleiben – herrlich, aber auch leer, wenn niemand neben mir lag. Die Wohnung für mich haben – toll, aber auch still, zu still manchmal.
Ich lernte, mit dieser Stille zu leben. Langsam, Stück für Stück. Ich fing an, Routinen zu entwickeln, die nur mir gehörten. Morgens früh aufstehen, Kaffee machen, auf dem Balkon sitzen und den Sonnenaufgang anschauen. Abends nach der Arbeit eine Runde laufen gehen, Musik in den Ohren, die Gedanken frei fließen lassen. Samstags den ganzen Tag im Schlafanzug verbringen und Serien schauen, wenn mir danach war.
Kleine Dinge, die meins waren. Die niemand kommentierte, niemand bewertete, niemand in Frage stellte.
Ein paar Monate nach der Scheidung machte ich etwas, das ich schon lange gewollt hatte: Ich ließ mir die Brüste machen.
Die Entscheidung war nicht spontan. Ich hatte schon in der Ehe darüber nachgedacht, damals, als meine Brüste angefangen hatten zu hängen, als ich merkte, dass sie nicht mehr so aussahen wie früher. Damals hatte ich mit ihm darüber gesprochen, und er hatte gesagt, dass es ihn nicht störe, dass er mich trotzdem liebe. Was lieb gemeint war, aber nicht das war, was ich hören wollte. Ich wollte nicht hören, dass er mich trotzdem liebte. Ich wollte hören, dass er mich unterstützte in dem, was ich für mich selbst wollte.
Jetzt war ich allein. Jetzt entschied ich das selbst.
Ich recherchierte, suchte mir einen Chirurgen, hatte Beratungsgespräche. Es ging nicht darum, riesige Brüste zu bekommen oder wie ein Model auszusehen. Es ging darum, dass sie wieder so aussahen, wie ich es wollte. Straff, hoch, jung. Wie früher, aber besser.
Die OP war Routine für den Arzt, für mich war sie riesig. Ich war nervös, als ich ins Krankenhaus fuhr, meine Hände zitterten, als ich die Papiere unterschrieb. Aber gleichzeitig fühlte es sich auch richtig an. Das war der erste Schritt, den ich wirklich nur für mich selbst tat. Nicht für einen Mann, nicht für die Gesellschaft, nicht um jemandem zu gefallen. Nur für mich.
Die Zeit danach war unangenehm – Schmerzen, Schwellungen, Bandagen, Bewegungseinschränkungen. Ich musste vorsichtig sein, durfte nichts Schweres heben, musste spezielle BHs tragen. Meine Schwester kam vorbei, half mir in den ersten Tagen, kochte für mich, kaufte ein, war einfach da.
Aber als die Schwellungen zurückgingen und ich zum ersten Mal ohne Bandagen in den Spiegel schaute, wusste ich: Es hatte sich gelohnt.
Sie sahen gut aus. Besser als gut. Sie sahen aus, wie ich sie haben wollte. Ich stand vor dem Spiegel, nackt, und betrachtete meinen Körper, und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit gefiel mir, was ich sah. Nicht perfekt, aber meins. So, wie ich es wollte.
Ich strich mit den Händen über die neuen Brüste, vorsichtig noch, fühlte die Narben unter den Fingern, spürte das Gewicht, die Festigkeit. Es fühlte sich fremd an und gleichzeitig richtig. Als hätte ich einen Teil von mir zurückbekommen, den ich verloren geglaubt hatte.
Das war für mich, dachte ich. Nur für mich. Und zum ersten Mal seit der Scheidung fühlte ich so etwas wie … Stolz. Stolz darauf, dass ich das durchgezogen hatte. Dass ich eine Entscheidung getroffen hatte, die nur mir gehörte.
Die Lust kam langsam zurück.